Nie wieder Klimakanzlerin

Michael Brüggemann, der einzige Professor für Klimakommunikation*, wünscht sich einen Journalismus, der das Wort „Klimakanzlerin“ nie wieder benutzt. Er spricht in seiner Keynote von Journalismus als einen Akteur mit Verantwortung, der auch zugeben darf, dass er Werte hat. Die große Herausforderung sei dabei, die richtige Betriebstemperatur für die Berichterstattung zu finden.

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Michael Brüggemann, Universität Hamburg

 

„In den USA ist die Debatte in den Medien überhitzt, in Kontinentaleuropa dafür unterkühlt,“ so Brüggemann. In Deutschland herrsche die Stimmung „Merkel wird es schon für uns regeln“, wodurch das Thema Klimawandel an Dringlichkeit verliert. Daher auch sein Problem mit dem Wort „Klimakanzlerin“. Es gilt aber Menschen zu mobilisieren, ohne weiter zu polarisieren oder zu lähmen (Stichwort Schockstarre) und der Raum für Verständigung offen zu halten.

Diese Anforderung ist nicht unbedingt vereinbar mit dem klassischen Verständnis von distanziertem Journalismus,  der für die Folgen seiner Berichte nicht verantwortlich ist. Die Journalismusforschung jedoch ist mittlerweile etwas weiter: Wer über den Klimawandel berichtet, präsentiert ihn bewusst oder unbewusst aus einer bestimmten Perspektive. Dieser Rahmen oder Frame entsteht quasi aus den Berufsnormen für Journalist_innen und den gesellschaftlichen Hintergründen. Welcher Frame für die Berichterstattung verwendet wird ist natürlich nicht egal. Somit vergrößert sich die journalistische Veranwortung.

Rahmen? Frame? Häh? Ich stelle mir diese Frames vor wie unterschiedliche Schubladen, in die ein Bericht das Thema Klimawandel einordnet. Das Etikett der Schublade macht einen großen Unterschied. Grob würde ich zusammenfassen: Der meistverwendete Masterframe (große Schublade) ist „menschgemachter Klimawandel“. Innerhalb von dieser großen Schublade gibt es aber noch viele Unterframes (kleine Schubladen), mit der Beschriftung: Risiko, Konflikt, oder Gesellschaftswandel.

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/image/title/SP/1986/33/300
Klimawandel als Katastrophe (Quelle: Der Spiegel)

Wenn der Klimawandel zum Beispiel als Risiko geframed wird kann so etwas dabei herauskommen wie das Spiegel Cover von 1986, bei dem der Köllner Dom unter Wasser steht. Gefahr dabei ist, dass sich die Leser_innen in diesem Fall nicht ehrlich behandelt fühlen, weil der Dom auch heute noch im Trockenen steht. Ob so eine Berichterstattung Sinn macht, muss man sich also gut überlegen.

Journalismus mit Verantwortung

Geht es nach Brügemann, dann sollten sich JournalistInnen überlegen, mehr Berichterstattung im Frame „Wandel“ zu machen. Aber auch innerhalb dieses Frames gibt es wieder verschiedene Möglichkeiten: Man könnte die Story aufziehen als Modernisierung durch Eliten, unter dem Motte „mit dem Vertrag von Paris und innovativen Unternehmen sind wir am richtigen Weg“. Ein zweiter Weg wäre es Transformation durch Zivilgesellschaft und Medien darzustellen. Das würde bedeuten, dass Medien selbst aufzeigen, wie man sich engagieren kann. Als Beispiel dafür nennt Brüggemann die Keep it in the ground Kampagne des Guardian. „Medien selbst wollen sich an der Transformation beteiligen. Diese Berichterstattung hat Folgen für gesellschaftliche Debatten. Es geht nicht nur darum Ereignisse so zu berichten, wie sie sind,“ analysiert Brüggemann. Geht es nach ihm dann bedeutet nachhaltiger Journalismus den gesellschaftlichen Wandel kritisch und konstruktiv zu begleiten.

*seines und unseres Wissens nach

 

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